Was kann ich glauben?

„Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du?
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“         (Johannes 20,29)

„Ich kann nur glauben, was ich sehe.“ Dieses Argument ist heute oft nicht mehr ganz so einfach. Nicht nur, dass Dinge wie der Verstand oder die Liebe nicht direkt sichtbar sind – heute müssen wir selbst das, was wir sehen, mit einem kritischen Blick betrachten. Mit den Smartphones von heute ist es kinderleicht, Fotos digital zu bearbeiten. Nachrichten und sogenannte Fake News sind oft nur schwer auseinanderzuhalten. Das Visuelle ist kein Garant mehr für die Wahrheit.

Glaube und Zweifel sind eng miteinander verbunden, wie wir im Beispiel von Thomas, dem Jünger Jesu, sehen. Es ist wahrscheinlich wahr: Wer behauptet, er glaube und habe noch nie gezweifelt, hat vielleicht noch nie wirklich tief geglaubt, sondern eher das nachgebetet, was andere gesagt oder geschrieben haben. Ein Glaube ohne Fragen bleibt oft an der Oberfläche.

Zweifel kann natürlich auch zu einem Problem werden. Besonders dann, wenn er Gottes Existenz, seine Macht und seine Güte so sehr in frage stellt, dass er uns in den Unglauben treibt. In solchen Fällen kann das Leben schwer werden – ohne Sinn, Trost und Hoffnung. Wir können dann in die negativen Sogwirkungen dieser Welt geraten, ähnlich wie Petrus, der auf dem See Genezareth den Halt verlor, als er nur noch auf die Wellen sah. Bei Thomas geht es aber zunächst um eine ganz andere Art von Zweifel.

Sicher wünschte sich auch Thomas von ganzem Herzen, dass Jesus wieder lebt. Aber er war nicht bereit, das einfach zu übernehmen, nur weil die anderen Jünger davon erzählten. Es ist wichtig, kritisch zu prüfen, was wir hören, sehen und lesen. Die Jahreslosung vom letzten Jahr erinnert uns daran: „Prüft aber alles und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5,21).

Thomas wollte genau das: Prüfen, ob es wirklich stimmt, dass Jesus auferstanden war. Während seiner Zeit als Jünger hatte er allerdings oft erlebt, dass das „Sehen“ spektakulärer Wunder nicht automatisch zu dauerhaftem Vertrauen führte. Reines Sehen beweist im Letzten gar nichts. Es könnte immer noch eine Täuschung, eine Massenhalluzination oder ein Traum sein, selbst wenn Milliarden Menschen dasselbe wahrnehmen.

Jesus nimmt diese Zweifel ernst. Er geht aktiv auf Thomas zu. Er kennt ihn, er kennt mich und er kennt uns alle – unsere Gefühle, unsere Gedanken und die Zweifel, die uns manchmal im Weg stehen. Jesus versteht Thomas und begegnet ihm auf eine Weise, die genau zu ihm passt. Er hilft ihm, seinen eigenen Glauben zu finden. Es gibt kein festgelegtes Rezept für den Glauben. Jesus ist ihm – und auch uns – nicht böse, wenn wir aus uns heraus einfach nicht glauben können. Das kann im Grunde niemand aus eigener Kraft. Es ist ja auch eine gewaltige Herausforderung für unseren Verstand: Dass Jesus wirklich körperlich auferstanden ist und der Tod besiegt wurde, liegt so weit jenseits unserer täglichen Erfahrung, dass wir es nicht einfach als Information „schlucken“ können.

Jesus, der dich unendlich und bedingungslos liebt, weiß genau, welche Lasten du trägst – ob es Leid, Sorgen oder intellektuelle Zweifel sind, die deinen Glauben behindern. Er kennt all die Argumente, Meinungen und die Logik, die in dir kreisen. Er weiß genau, was du brauchst, um Vertrauen zu fassen. Dem Lieblingsjünger Johannes reichte der Anblick des leeren Grabes, Maria musste ihren Namen vom Auferstandenen hören, und Thomas brauchte eben das „Sehen“ und „Anfassen“.

Für jeden, der ernsthaft fragt, kann Jesus individuell Zweifel ausräumen. Er hat einen Weg, dich immer wieder zu überzeugen und dir zu ermöglichen, dich in seine Liebe fallen zu lassen. Er möchte dich von den Ketten befreien, die dich am Leben hindern.

Nachdem Jesus Thomas überzeugt hat, sagt er diesen wichtigen Satz: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Glauben ist kein Nachplappern. Gottes Liebe wird dort spürbar, wo er sich uns mitteilt: in seinem Wort. Predigthören und Bibellesen sind keine lästigen Pflichten, sondern Chancen, Jesus zu begegnen. Er kann dort echten Glauben wecken – einen Glauben, den man erlebt und der auch in schwierigen Zeiten trägt.

Zweifeln ist okay. Nicht als Selbstzweck, sondern als Weg zur Wahrheit. Wir sollten uns fragen, welche unserer Alltagswerte – Arbeit, Besitz, Traditionen – wir nur aus Gewohnheit beibehalten. Nur wer bereit ist, an den Sicherheiten dieser Welt und den eigenen Ideen zu zweifeln, ist offen für eine echte Begegnung mit Gott.

Du musst nicht alles auf einmal verstehen oder perfekt glauben können. Jesus begegnet jedem von uns auf Augenhöhe – so individuell wie bei Thomas, Maria oder Johannes. Unser Suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der Beginn einer lebendigen Beziehung. Ich bin überzeugt: Gott ist dein Zweifeln nicht zu viel – seine Liebe ist immer größer als unsere Fragen.

Herzliche Grüße
Matthias Kasemann

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